Geschichte der Französischen Kröpfer

Dr. Hans Schingen

In den letzten Jahrzehnten haben sich verschiedene Autoren mit der Frage beschäftigt, wo und wann Kropftauben kultiviert und züchterisch geformt wurden. Ergänzend zu den Ausführungen von Fachschriftstellern wie C.S.Th. van Gink (1963), Gerhard Birner (1969), Horst Marks (1985), Martin Lindner (2001) und Axel Sell (2011) machte Christian Reichenbach (2012) für die Frühphase der Kröpferentwicklung wichtige Anmerkungen.

Erste Hinweise auf Tauben mit Blaswerkansätzen gehen auf den arabischen Raum zurück und zwar schon vor mehr als 800 Jahren. Mit der Besiedlung Andalusiens durch die Mauren ab 711 n. Chr., die dem arabisch-nordafrikanischen Raum entstammten, gelangten auch Tauben der Herkunftsregion auf das spanische Festland und etablierten sich über Jahrhunderte zu verschiedenen Hängekropftauben-Varietäten. 

Die Herrschaftsverbindungen der spanischen Krone zu den Niederlanden (ab 1516 mit Regentschaft Karl V) brachten solche Tauben in den flämisch-niederländischen Raum. Dort wurde durch Mutation und Zucht eine Veränderung der Kropfform erreicht, die Haltung wurde aufgerichteter und die Blasaktion auf den oberen Halsbereich verlagert. Die Niederlande sind somit als erstes mitteleuropäisches Zentrum der Kropftaubenzucht zu betrachten. Von dort gingen erste Typen dieser Zuchtrichtung nach Nordfrankreich und England. Weitere Veränderungen folgten mit Zunahme der Größe und der Ausbildung einer starken Fußbefiederung, wie sie schon im 16. Jahrhundert beschrieben wurden. Wir finden diesen Taubentyp auf Gemälden Alter Meister, u.a. bei Adriaen von Utrecht (1599-1652) und sie weisen eindeutig Merkmale der Holländischen Kröpfer auf.

Bereits Aldrovandi (1599) beschreibt diese Tauben als von außergewöhnlicher Form und Größe mit Fußwerk und enormem Luftkropf. Sie seien doppelt so groß wie normale Tauben. Wenn sie gurren, schwillt ihr Kropf stark an, je mehr, umso höher werden sie geschätzt.

Als sensationell muss die bildliche Darstellung eines langbeinigen Kröpfers durch Melchior d´Hondecoeter (1636-1695) im Jahre 1665 gewertet werden. Dieser Maler entstammt einer Dynastie von Tiermalern und Melchior hatte sich der Darstellung von Geflügelszenen verschrieben und es zu anerkannter Meisterschaft gebracht. Er hat mit Sicherheit die Realität wiedergegeben und keine Wunschvorstellungen dargestellt. Sein Bild „Friede auf dem Hühnerhof“ zeigt eine Hühnerfamilie und beiläufig im Hintergrund das sensationelle Taubenpaar platziert. Zahlreiche seiner Werke sind in den bekanntesten Museen der  Welt präsent, u.a. im Louvre in Paris, der Eremitage in St. Petersburg, dem Rijksmuseum Amsterdam  und  der Kunsthalle in Karlsruhe, wo sich obiges Bild befindet. Die portraitierten stark blasenden Kröpfer wurden als „Oploper“ bezeichnet und weisen viele Merkmale der späteren Französischen Kröpfer auf.

70 Jahre später hat John Moore (1735) bereits vier Kröpferrassen beschrieben, neben dem Holländischen und dem Englischen Kröpfer auch den Oploper und den Pariser Kröpfer (Parisian Pouter). Dieser wird relativ groß, aufrecht stehend mit nicht zu langen Beinen (gemessen an den Englischen Kröpfern) und großem Blaswerk beschrieben. Auffallend seien die außergewöhnlichen Färbungen.

Die Oploper gelangten schon ab 1665 nach England und waren an der Herauszüchtung des Englischen Kröpfers maßgeblich beteiligt. Die Parisian Pouter stehen in direkter Linie zu den von d´Hondecoeter dargestellten Oploper. Die markant ausgeprägten Rassemerkmale lassen auf eine lange Entwicklungsphase schließen, die eine Entstehung im 16. Jahrhundert wahrscheinlich sein lässt. 

 In der Tradition stehen auch die Ausführungen von Buffon in den Jahren 1749-1783. Er zählt die Kropftauben (Pigeon grosse gorge) in 13 Farbenschlägen auf, darunter typische Farben der Cauchois, was auf beider Verwandtschaft deutet. Die auch heute noch vermehrt auftretenden Bronzefaktoren scheinen eine lange Tradition zu haben. Abbildungen zeigen große Tauben mit langer Vorderpartie und ausgeprägter Bavettezeichnung. Die Standhöhe kommt nicht an die 100 Jahre zuvor dargestellten Oploper heran, sondern eher an die des Parisian Pouter.

In den späteren Jahren werden manche Berichte unklar in der Aussage und auch widersprüchlich. Boitard & Corbie (1824) beschreiben einen völlig anderen Typ als groben, niedrig gestellten Kröpfer, der dem Parisian Pouter entsprechen soll, aber kaum dessen Merkmale aufweist.

Baldamus (1878) glaubt, dass der Französische Kröpfer mit dem Liller identisch sei und kommt trotz des Vorhandenseins in Deutschland zu falschen Schlussfolgerungen.

 Auch Gustav Prütz (1874) beschreibt in der 2. Auflage des von Neumeister 1837 geschaffenen Taubenbuchs den Französischen oder Liller Kröpfer, der zumeist einfarbig sei, aber auch in der Zeichnung des Englischen Kröpfers vorkommt. Das Gleichsetzen mit dem Liller Kröpfer verwundert, denn sie spalteten sich schon vor 1840 ab, mit eigenständigen, sich vom „Franzosen“ deutlich unterscheidenden Rassemerkmalen. 

Bei den anderen deutschsprachigen Autoren des 18. und 19. Jahrhunderts spielten Französische Kröpfer oder deren Vorgänger keine Rolle. Es wird das Vorhandensein von Kröpfern bestätigt, es handelt sich aber um Kropftaubenvarietäten, die dem Deutschen und Thüringer Kröpfer nahestehen, aber keine Bezüge zu Französischen Kröpfern haben (Frisch, 1763; Bechstein, 1795; Neumeister, 1837; Brehm, 1857). 

Offensichtlich hat sich trotz der Unklarheiten und begrifflichen Verwechselungen der Typ des Oploper im nordfranzösisch-flämischen Raum über Jahrhunderte erhalten, auch wenn er in anderen Regionen nicht verbreitet war oder verloren ging. Seine außergewöhnliche Erscheinung fand zunehmend Interesse in England und ab 1860 auch in Deutschland, wo er seine größte Verbreitung finden sollte.

Die ersten ausführlichen Beschreibungen und Zuchtvorgaben wurden in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts in Frankreich von Robert Fontaine erstellt. Er spricht von der Rasse von Amiens, die einen kugelförmigen Kropf  mit aufgerichteter Haltung, eine enorme Größe und lange Beine aufweist. Hervorgehoben wird das außergewöhnlich lebhafte Wesen und die Vielfalt der Färbungen. 

1879 wird in den „Blättern für Geflügelzucht“ (s. Franzosenjournal 2019) umfangreich über den Französischen Kröpfer berichtet. Nur 10 Jahre nach der ersten Ausstellung in Dresden hatte der Französische Kröpfer eine große Wirkung in der Züchterschaft entfacht und eine gute Verbreitung erreicht. Er wird in den rassischen Belangen dem Englischen Kröpfer gegenüber als deutlich überlegen bezeichnet. Die detaillierten Vorgaben entsprechen einer ersten deutschsprachigen Musterbeschreibung.

Im Illustrierten Mustertaubenbuch (1886) nimmt sich Gustav Prütz sehr der Französischen Kröpfer an. Eine ausführliche Rassebeschreibung verbindet er mit Hinweisen zur Zucht und lobt das unbändige Temperament. Die werbenden Ausführungen haben sehr zur weiteren Bekanntheit und Verbreitung der Französischen Kröpfer beigetragen. 

Nachdem die „Franzosen“ im Oktober 1869 erstmalig in Deutschland, genauer in Dresden unter Robert Oettel, ausgestellt wurden, gelangten sie in den Frankfurter-Wormser Raum, wo sie über Jahrzehnte ihre größte Verbreitung fanden. Bekannte Züchter damaliger Zeit nahmen sich in den Folgejahren der Rasse an. Die vielfältige Farbpalette mit heute nicht mehr existenten Zeichnungsvarianten, bereinigte sich bis 1900 auf Geherzte in den Grundfarben und einfarbig Weiße. Die Gemönchten (Jacobin), Einfarbigen und Ungeherzten (ohne Bavette) waren nach und nach verschwunden, Heinrich Marten sprach 1899 von „ausgemerzt“. Die geherzte Zeichnungsvariante war damals auch durch die aufstrebenden Englischen Kröpfer zum Maß der Dinge geworden. Wie bei den „Engländern“ wurden dann auch beidseitig Flügelrosen gefordert und das Herz (Bavette) wurde verpflichtend. Zeitgleich kam die Festlegung, dass möglichst Glattfüßigkeit anzustreben ist, mit dem Hinweis, dass kleine Federchen an den Zehen toleriert werden. 

Anlässlich der 6. Nationalen in Berlin 1899 wurden beachtlich 78 Französische Kröpfer in Weiß und Geherzt (schwarz, blau, rot, gelb, rotfahl) vorgestellt, womit eine erfreuliche Verbreitung dokumentiert wird. Züchter aus ganz Deutschland finden sich in der Ausstellerliste und das unter den damaligen Transportbedingungen. Die bekanntesten Aussteller waren: Frosch, Frankfurt; Körner, Markranstädt; Winter, Offenbach; Kreutzer, Frankfurt; Forster, Offenbach; Hausemann, Leipzig. Weitere herausragende Züchter hatten sich damals ebenfalls der Rasse verschrieben. Zu nennen sind Martin Schaad, Frankfurt und Ludwig Ronsheimer, Worms, der in den nächsten Jahrzehnten bis 1951 eine herausragende Stellung im Sonderverein einnehmen sollte.

Fotos von Tieren zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigen, dass die Französischen Kröpfer sehr rassetypische Merkmale aufwiesen, mit überraschender Größe und  sehr langen Vorderpartien. Der 1. Weltkrieg zerstörte die geleistete Zuchtarbeit und Rasseentwicklung. Nur wenige Tiere überlebten die schweren Kriegs- und Nachkriegsjahre. Die altgedienten Züchter, die die Kriegsjahre überstanden hatten, sammelten mühsam die Reste der Rasse und versuchten einen Neuanfang. Als erste Erfolge sich einstellten, bemühten sich die Züchter um Ludwig Ronsheimer und Peter Diefenbach, um die Gründung eines eigenständigen Sondervereins. Schon vor dem Krieg hatten die Züchter anderer Rassen Sondervereine gegründet und dienten somit als Vorbild. Der Wiederaufbau der Rasse sollte mit vereinten Kräften und der Kanalisierung der Bestrebungen durch Führung des Sondervereins gelingen. Der Sonderverein der Züchter Französischer Kropftauben wurde 1921 gegründet und Philipp Forster zum 1. Vorsitzenden gewählt.

Bedanken müssen wir uns bei allen Züchtern, die unter schwierigsten Bedingungen die Rasse erhalten, verbessert und uns übergeben haben. Ihnen war keine Mühe zu viel, um die Französischen Kröpfer zu verbreiten und deren Anziehungskraft zu erhalten. 

Melchior d'Hondecoeter 1665 "Friede auf dem Hühnerhof"- Kunsthalle Karlsruhe